Nachhaltigkeit erkennenTheoretisch zu verstehen, was sich hinter dem Nachhaltigkeitsbegriff verbirgt, ist nicht allzu schwer. Wesentlich komplizierter wird es, wenn man entscheiden muss, welche Anlagen tatsächlich als nachhaltig einzustufen sind. Fremde AnlagekriterienOft müssen die Anleger nicht selbst diese Einschätzung treffen – dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie sich für sogenannte Nachhaltigkeitsfonds entscheiden. Hier treffen die Fondsverwalter im Vorfeld eine Auswahl der Werte, in die investiert wird. Diese Bequemlichkeit erkauft sich der Anleger aber mitunter teuer: Wer nicht selbst prüft, muss sich mit den angebotenen Standards zufriedengeben. Und diese können sich von Produkt zu Produkt unterscheiden – schließlich gibt es unterschiedliche Definitionen davon, was nun unter ethisch, ökologisch oder sozial zu verstehen ist. Persönliche AnlagekriterienEigene Anlagekriterien muss der Anleger entwickeln, wenn er sich beispielsweise für Aktien und Direktbeteiligungen entschließt – dies ist auf der einen Seite zwar ein zeitraubendes Unterfangen, auf der anderen Seite kann man hier aber sicher gehen, dass die Standards, die einem besonders wichtig sind, berücksichtigt werden. Fehleinschätzungen immer möglichBei der Definition, welche Produkte, Techniken, etc. nachhaltig sind, kann es aber auch zu Fehleinschätzungen kommen – ganz egal, ob ein Fondsverwalter am Werk ist oder der Anleger selbst. Gründe hierfür können sein, dass die Erwartungen, die in Produkte, Techniken etc. gesteckt wurden, schlussendlich nicht erfüllt werden konnten, dass sich wichtige Rahmenbedingungen verändert haben oder im Vorfeld zu wenig Informationen eingeholt wurden. In den folgenden Menüpunkten möchten wir uns der Frage widmen, wie man Nachhaltigkeit erkennen kann. Dabei wird es zum einen um die Auswahl geeigneter Finanzprodukte und zum anderen um Hilfestellungen gehen, wie sie etwa Gütesiegel bieten. AuswahlKlassischerweise zählen zu den üblichen Anlagekriterien die Beurteilung der Rentabilität, der Liquidität und der Sicherheit. Anleger, die allerdings nicht nur auf ihre Rendite achten, sondern auch auf ihre Verantwortung, können als weiteres Kriterium die soziale, ökologische und ethische Nachhaltigkeit mit in ihre Anlagenauswahl einbeziehen. Doch wie kann eine Auswahl anhand dieses zusätzlichen Kriteriums erfolgen? Hier führt kein Weg an der Entwicklung von Anlagekriterien vorbei. Sowohl alternative Banken müssen solche Kriterien entwickeln, um ihren Kunden Rechenschaft ablegen zu können, als auch private Anleger, um sicher zu stellen, dass sie mit ihren Investitionen genau das fördern, was sie möchten. Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen Ausschlusskriterien, Positivkriterien und Klassenbestenkriterien. Es gibt auch noch weitere Kriterien, die bei der Auswahl eine Rolle spielen können, die hier genannten Kriterien sind aber wohl die gängigsten, sodass wir ausschließlich auf diese eingehen möchten. AusschlusskriterienMit Ausschlusskriterien können private Anleger, alternative Banken und Fondsverwalter formulieren, in welche Werte in keinem Fall Kapital fließen soll. Der Gedanke, der dahinter steht: Wenn durch Investitionen in bestimmte Branchen, Produkte, etc. Geld fließt, werden diese gefördert – eine Förderung von umweltschädigenden Unternehmen oder solchen, die nicht sozial und ethisch handeln, soll aber vermieden werden. Hinzu kommt, dass die Anleger durch Ausschlusskriterien gleichermaßen auch festlegen, dass ihre Rendite nicht auf Kosten der Umwelt oder Dritter erwirtschaftet wurde. Das Bewusstsein, dass solche Werte von vornherein ausgeschlossen sind, ist neben einer möglichen Rendite ein weiterer Vorteil für den Anleger. Doch was sind gängige Ausschlusskriterien, die bei der Auswahl von Investmentbereichen angewendet werden können? Hier kann man zwischen ökologischen, sozialen und ethischen Ausschlusskriterien unterscheiden. Beispiele für AusschlusskriterienIm ökologischen Bereich werden etwa häufig die folgenden Kriterien angewendet:
Im sozialen Bereich stößt man immer wieder u. a. auf diese Ausschlusskriterien:
Und auch im ethischen Bereich lassen sich typische Ausschlusskriterien aufzählen. Zu diesen gehören u. a. folgende:
KontroversenIn unserer Gesellschaft herrscht oft Uneinigkeit darüber, was nun tatsächlich ökologisch, sozial oder ethisch ist. Diese Uneinigkeit kann sich auch in der Zusammenstellung einzelner Anlagekriterien zu einer Anlagephilosophie widerspiegeln. Unterschiedliche Anleger, Fondsverwalter und Banken können dabei unterschiedliche Maßstäbe setzen, sodass nicht alles, was mit „öko“, ethisch“ oder „sozial“ betitelt wird, auch für jedermann überzeugend sein muss. Je mehr Ausschlusskriterien berücksichtigt werden, desto „sauberer“ können die verbleibenden Werte sein. Aus wirtschaftlichen Gründen muss aber auch beachtet werden, dass ein extremes Mehr an Ausschlusskriterien gleichzeitig auch mit einer Verengung des Anlagehorizontes einhergeht. Dieses kann unter Umständen im Extremfall dazu beitragen, dass das Risiko aufgrund mangelnder Diversifikation steigen kann. Positive MerkmaleMit Ausschlusskriterien können Anleger bestimmen, was sie in keinem Fall wollen. Wer allerdings nur Ausschlusskriterien aufstellt, handelt nicht unbedingt in dem Maße ethisch, sozial oder ökologisch, wie er es sich im Grunde wünscht. Das Ausschließen bestimmter negativer Einflüsse führt nicht automatisch zu einer Hitliste von Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit führend und vorbildlich sind. Der Einsatz von Positivkriterien kann zusätzlich dazu führen, dass Unternehmen und Werte erkannt werden können, die tatsächlich einen größeren Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Kombination von Ausschlusskriterien und Positivkriterien Natürlich lässt sich der Einsatz von Ausschlusskriterien auch mit dem Einsatz von Positivkriterien kombinieren. Die Ausschlusskriterien dienen dann zur ersten Erschließung eines Anlagespektrums, während die Positivkriterien aus diesem Spektrum wiederum die Werte auswählen, die eine besondere Eignung aufweisen. Doch wie können solche Positivkriterien überhaupt aussehen? Beispiele für PositivkriterienIm ökologischen Bereich kann ein Positivkriterium beispielsweise sein, dass die ausgewählten Werte im Sektor erneuerbarer Energien angesiedelt sind. Gehen die Positivkriterien über solche groben Gliederungen hinaus, ergibt sich schnell auch eine Ähnlichkeit zum „Best-in-class“-Ansatz. So zum Beispiel, wenn man in sozialer Hinsicht als Postivkriterium aufstellt, dass nur in Unternehmen investiert wird, welche die Chancengleichheit verwirklichen. Wer aber nur Positivkriterien aufstellt, muss nicht zwangsläufig immer nur in die Besten investieren, sondern kann auch solche Werte zulassen, die sich in einem gewissen Grad um die Chancengleichheit bemühen. Dies wäre dann ein Unterschied zum „Best-in-class“-Ansatz. Genauso wie bei den Ausschlusskriterien muss beachtet werden, dass zum Beispiel nicht alle Fondsverwalter dieselben Positivkriterien berücksichtigen. Wer also wissen möchte, warum sich ein bestimmtes Produkt „ökologisch“, „sozial“ oder „ethisch“ nennt, muss prüfen, welche Kriterien bei der Auswahl der Werte berücksichtigt wurden. Unter Umständen kann es sein, dass diese Kriterien für das eigene Empfinden zu schwach gewählt wurden. In diesem Fall sollte man sich nach anderen Anbietern umsehen, die Kriterien anwenden, welche man selbst unterstützen kann. Auch eine Alternative ist es natürlich, seinen eigenen Kriterienkatalog zusammenzustellen und unter dessen Berücksichtigung Aktien oder Direktbeteiligungen zu erwerben. Der Einfluss von Anlagekriterien, die von Dritten stammen, kann hier dann ausgeschlossen werden. „Die Klassenbesten“Ein weiterer Ansatz, der bei der Entscheidung für Anlagewerte genutzt werden kann, ist der sogenannte „Best-in-class“-Ansatz. Was man genau unter diesem Ansatz verstehen kann, wie er sich von der Anwendung klassischer Ausschluss- und Positivkriterien unterscheidet und welche Unternehmen zu den „Klassenbesten“ und den „Musterschülern“ gezählt werden können, erfahren Sie im Folgenden. Von Klassenbesten und MusterschülernDer „Best-in-class“-Ansatz verzichtet in seiner Grundausrichtung darauf, Ausschlusskriterien zu verwenden. Hier ist es oft nicht entscheidend, ob die Branchen an sich aus ökologischen oder ethischen Aspekten fragwürdig sind. Es ist nur ausschlaggebend, dass sie zu den Unternehmen ihrer Branche zählen, welche die besten Leistungen in Sachen Ökologie, Soziales und Ethik hervorbringen. Wird der „Best-in-class“-Ansatz verwendet, könnten theoretisch also auch große Energiekonzerne, die auch im Bereich Atomenergie aktiv sind, in einen „Ökofonds“ aufgenommen werden. Vermieden werden können solche Effekte nur dann, wenn auch der „Best-in-class“-Ansatz gekoppelt wird mit dem Einsatz von Ausschlusskriterien. Dieses geschieht mittlerweile in der Praxis sehr häufig. Die Ausschlusskriterien müssen dabei aber nicht zwangsläufig sehr streng gefasst sein. Von der Anwendung von Positivkriterien unterscheidet sich der „Best-in-class“-Ansatz dadurch, dass bei letzterem nur relativ gewertet wird – soll heißen: Grundsätzlich kann jede Branche berücksichtigt werden. Beim Einsatz von Positivkriterien kann es wahrscheinlich sein, dass manche Branchen stärker vertreten sind als andere und ganze Branchen durch Nichterfüllung eines Positivkriteriums bereits ausgeschlossen sind. Kritik und Lob am „Best-in-class“-AnsatzDas oben genannte Beispiel, welches sich auf Energiekonzerne bezieht, verdeutlicht, warum viele Personen zum Beispiel Fonds, die mit dem „Best-in-class“-Ansatz arbeiten, kritisch gegenüberstehen. Es wirkt auf Anleger, die ökologische, soziale und ethische Verantwortung übernehmen möchten, einfach befremdlich, wenn sie zum Beispiel in die Automobilindustrie oder in Atomenergie investieren sollen. Auf der anderen Seite kann der „Best-in-class“-Ansatz aber auch positiv bewertet werden: Unternehmen, die in Sachen Ökologie, Soziales und Ethik die Nase vorn haben, werden gefördert und der Bedeutung von Nachhaltigkeit wird im Konkurrenzkampf Auftrieb verliehen. Der Nachhaltigkeitsgedanke kann hier in die breite Wirtschaft getragen werden. Durch fehlende Ausschlusskriterien bzw. grob gefasst Ausschlusskriterien erweitert sich zudem das Spektrum möglicher Anlagewerte. Hierdurch kann man unter Umständen eine breitere Streuung und somit eine Risikoverringerung erreichen. Gütesiegel für nachhaltige InvestmentsGütesiegel sind in den unterschiedlichsten Bereichen in Mode gekommen: Sie garantieren beispielsweise, dass Produkte aus der ökologischen Landwirtschaft stammen oder ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Was in der Lebensmittelbranche und in der Konsumgüterbranche gut ankommt, könnte natürlich auch im Finanzbereich hilfreich sein. Gütesiegel sollen dabei im Idealfall einen Beitrag zum Verbraucherschutz leisten: Sie garantieren dem Käufer, dass das jeweilige Produkt bestimmten Kriterien genügt. Aber kann man auch in einem solch komplexen Bereich wie im Bereich ökologischer, ethischer und sozialer Geldanlagen ein Gütesiegel etablieren? Ansätze hierfür gibt es bereits: So gibt es etwa seit 2008 das Gütesiegel von Eurosif. Das Gütesiegel von EurosifEuropean Social Investment Forum – kurz Eurosif – ist ein Dachverband, der seit 2001 versucht, nachhaltiges Investment zu fördern und den Nachhaltigkeitsgedanken zu verbreiten. Das Forum setzt sich aus mehreren nationalen Zusammenschlüssen zusammen – in Deutschland ist das Forum „Nachhaltige Geldanlagen“ aktiv und Gründungsmitglied des europäischen Dachverbandes Eurosif. Um für mehr Transparenz in der Branche zu sorgen, hat Eurosif mit seinen nationalen Mitgliedsverbänden ein Gütesiegel entwickelt. Dieses Gütesiegel – auch Transparentlogo genannt – wird seit dem Frühjahr 2008 vergeben. Eingeschränkte AussagekraftAusgezeichnet wird hier– wie der Name des Logos bereits verdeutlicht – anhand von Leitlinien allerdings „nur“ die Transparenz von Finanzprodukten, die sich als nachhaltig verstehen. Auf diese Art und Weise sagt das Siegel von Eurosif zwar aus, dass Fondsmanager genügend Informationen über ihre Auswahlkriterien bereitstellen, nicht aber, wie stark diese Kriterien ökologisch, sozial oder ethisch sind. Für den Anleger bedeutet dies, dass das Eurosif Siegel ihnen zwar garantiert, dass sie sich über die Anlagestrategien einzelner ausgezeichneter nachhaltiger Fonds informieren können. Es garantiert aber nicht, dass man als verantwortungsbewusster Anleger in jedem Fall übereinstimmen muss mit den angewandten Kriterien. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist durch das Eurosif Gütesiegel sicherlich getan. Aber auch dieses Siegel entbindet den Anleger nicht davon, sich ein eigenes Bild zu machen und zu überprüfen, ob die jeweiligen Anlagekriterien mit der eigenen Lebenseinstellung übereingehen. Sind aussagekräftigere Siegel möglich?So neutral und relativierend man das Eurosif Gütesiegel auch betrachten muss, fraglich ist überdies, ob es überhaupt einmal zu der Entwicklung eines Siegels kommen kann, das mehr Aussagen über den Nachhaltigkeitsgrad diverser Finanzprodukte machen kann. Die unterschiedlichen Lebenseinstellungen und Definitionen von „sozial“, „ökologisch“ und „ethisch“ dürften dieses erheblich erschweren. Dies könnte entweder dazu führen, dass sich manche Anleger nicht durch entsprechende Siegel vertreten fühlen oder aber dazu, dass es eine Flut an Siegeln gibt, die wiederum durch ihre Vielzahl die Transparenz untergraben. |
